Stufe 1 · Der Abend Modul 3 von 24
Was Träume bedeuten — die ehrliche Antwort
- 18 Minuten
- 1 geführte Übung
- Symbolsuche
- Gegen die Auszählung
Es gibt auf die Frage, was Träume bedeuten, eine Antwort, die besser gestützt ist als alle anderen. Sie ist unspektakulär, und sie ist zugleich das Tröstlichste, was dieser Kurs zu bieten hat: Träume setzen fort, was Dich wach beschäftigt.
Die Annahme, mit der fast jeder herkommt
Die Annahme lautet: Der Traum meint etwas anderes, als er zeigt, und die Kunst besteht darin, das Bild zu übersetzen. Schlange heißt Verrat, Zahnausfall heißt Todesfall, der Ex heißt, dass er an Dich denkt.
Die Forschung geht in die genau entgegengesetzte Richtung. Sie findet keine Übersetzungstabelle, sondern eine Fortsetzung: Was im Traum vorkommt, kommt vor, weil es im Wachen Gewicht hat. Nicht verkleidet — sondern verarbeitet, verschoben, neu zusammengesetzt, aber dem Material nach erkennbar.
Die Kontinuitätsthese
Sie stammt aus derselben Arbeitsrichtung wie die Auszählung — Calvin Hall und später G. W. Domhoff — und sie lautet in einem Satz:
Träume handeln von den Menschen, Orten und Anliegen, die den Träumenden im Wachleben beschäftigen — in ähnlicher Gewichtung.
Das klingt banal, bis man sieht, wie viel es ausschließt. Es schließt aus, dass Träume überwiegend von Fremdem handeln. Es schließt aus, dass sie von der Zukunft handeln. Und es schließt aus, dass ihr Material zufällig ist.
Was für sie spricht
Die Auszählung von 991 Traumberichten. Wenn die These stimmt, müssten Träume überwiegend von Bekanntem handeln. Genau das zeigen die Zahlen:
- 52 Prozent aller Traumfiguren sind VERTRAUTE Personen — bei Frauen sogar 58 Prozent.
- 69 Prozent aller Traumorte sind BEKANNTE Orte.
- 35 Prozent der menschlichen Figuren sind Freunde, weitere 9 bzw. 15 Prozent Familie.
- Sprechen macht 22 bzw. 26 Prozent aller Traumtätigkeiten aus, Bewegung 25 Prozent. Träume sind erstaunlich alltäglich.
- Verstorbene kommen praktisch nicht vor: sieben von 2.603 Figuren.
Das ist kein Beweis — aber es ist die Art von Befund, an dem eine These scheitern könnte und nicht scheitert. Ein Traumleben voller Fremder an fremden Orten wäre mit der Kontinuitätsthese nicht vereinbar. Es gibt es nicht.
Alle ausgezählten Werte in diesem Kurs stammen aus der Inhaltsanalyse von Calvin Hall und Robert Van de Castle (1966). Ausgezählt wurden 991 Traumberichte — 500 von Männern, 491 von Frauen, je fünf Träume pro Person. Die vollständigen Normtabellen sind frei zugänglich über dreamresearch.net.
Und die Einschränkung gehört dazu: Es waren Studierende einer US-Universität, erhoben Mitte des 20. Jahrhunderts. Keine deutsche, keine altersgemischte, keine aktuelle Stichprobe. Die Zahlen sind sauber erhoben und sie sind nicht die ganze Welt. Wer das verschweigt, tut mit guten Zahlen dasselbe, was ein Traumlexikon mit undatierten Überlieferungen tut.
Es gibt eine ältere Auffassung, die etwas anderes sagt, und sie gehört daneben. Der Traum gleiche die Einseitigkeit der bewussten Haltung aus — was tagsüber zu kurz kommt, komme nachts vor (C. G. Jung, GW 8, § 505). Nicht Fortsetzung also, sondern Gegengewicht.
Die beiden schließen sich weniger aus, als es klingt: Auch ein Gegengewicht braucht Material aus dem Wachleben. Der Unterschied liegt in der Richtung — die eine These sagt „mehr vom Gleichen", die andere „das Fehlende". Beobachten lässt sich beides; entscheiden lässt es sich nicht.
Und jetzt der Teil, um den es den meisten geht
Die meistgestellte Frage des ganzen Traumraums lautet nicht „was bedeutet die Schlange". Sie lautet: Warum träume ich von diesem Menschen? Und darauf gibt das Feld eine Antwort, die falsch herum ist.
Die verbreitete Antwort lautet: Weil er an Dich denkt. Sie ist nicht belegbar, und sie tut etwas Ungutes — sie hält Menschen in Beziehungen fest, die vorbei sind, und sie macht aus einem eigenen Gefühl eine Nachricht von außen.
In einer Beziehung
Nach der Kontinuitätsthese lautet die Antwort andersherum: Du träumst von ihm, weil Du an ihn denkst. Nicht unbedingt bewusst, nicht unbedingt sehnsüchtig — beschäftigen kann jemand auch durch Ärger, durch einen ungeklärten Satz, durch etwas, das Du ihm nie gesagt hast.
Das klingt zunächst nüchterner und ist bei genauerem Hinsehen freundlicher: Es gibt Dir die Sache zurück. Wer glaubt, der andere habe ihm einen Traum geschickt, wartet. Wer weiß, dass der Traum seiner ist, kann etwas damit tun — reden, abschließen, weitergehen.
Und es gilt in alle Richtungen: für den Ex, für den Kollegen, für die Frau aus der Bahn, für den Vater, mit dem man seit Jahren nicht gesprochen hat. Der Traum sagt Dir, wer bei Dir Gewicht hat. Er sagt nichts darüber, was dieser Mensch gerade tut oder denkt.
Ein Traum über einen Menschen ist eine Auskunft über Dich, nicht über ihn.
Was die These nicht kann
- Sie ist eine Theorie mit guter Stütze, kein Naturgesetz. Sie erklärt, woraus Träume gemacht sind — nicht, warum sie so seltsam verarbeitet werden.
- Sie sagt nicht, WAS ein bestimmtes Bild bedeutet. Aus „das kommt aus Deinem Leben" folgt keine Übersetzung.
- Sie erklärt nicht jeden Traum. Manche haben keinen erkennbaren Bezug zum Wachleben, und das ist ein offenes Problem.
- Sie entscheidet nicht, ob Träume außerdem noch etwas anderes sind. Diese Frage gehört Dir — siehe unterhalb der Trennlinie.
Was überliefert ist
Die Überlieferung sagt zu dieser Frage etwas anderes, und sie sagt es seit sehr langer Zeit: Der Traum bringe etwas, das von außen kommt. In den ältesten erhaltenen Texten ist er eine Mitteilung — im Gilgamesch-Epos, in den biblischen Traumberichten, bei Artemidoros (2. Jahrhundert), der ausdrücklich zwischen dem Traum, der aus dem Tag kommt, und dem Traum, der etwas ankündigt, unterscheidet.
Bemerkenswert daran ist, dass schon Artemidoros diese Unterscheidung trifft. Er hält keineswegs jeden Traum für bedeutsam — die meisten ordnet er dem zu, was den Träumenden ohnehin beschäftigt. Das ist, zweitausend Jahre früher, ziemlich genau die Kontinuitätsthese.
Ob ein Traum darüber hinaus etwas mitteilt, kann keine Auszählung entscheiden. Dieser Kurs sagt nicht, dass es so ist, und er sagt auch nicht, dass es nicht so ist. Er sagt: Diese Entscheidung gehört nicht ihm. Was er anbieten kann, ist die eine Hälfte sauber ausgezählt und die andere sauber datiert — und die Wahl bei Dir.
Übung: Wer kam vor — und wann zuletzt wach?
Wer kam vor — und wann zuletzt wach?
Die Kontinuitätsthese am eigenen Material prüfen.
Bei den meisten Menschen ist es die Mehrheit — und die Ausnahmen sind interessanter als die Regel. Wer vorkam, an den Du seit Monaten nicht gedacht hast, ist die Frage wert, warum er jetzt kommt.
Direkt danach aufschreiben
Drei getrennte Felder. Die Trennung ist der eigentliche Punkt: Was war, was Du gespürt hast, und was Du Dir darüber erzählst — das sind drei verschiedene Dinge, und sie zu verwechseln ist der häufigste Fehler.
1 — eng, zusammengezogen, eher negativ5 — weit, offen, eher positiv
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Weiter zu Modul 4 OffenWarum jede Traumdeutung passtSchlag ein beliebiges Symbol nach und Du wirst Dich wiedererkennen. Das liegt nicht am Symbol — und dieser Kurs sagt es lieber selbst, als darauf zu warten, dass es jemand anders tut.15 Minuten · 1 ÜbungFertig mit diesem Modul?
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