Symbole und ihre Bedeutung: Traum, Zahl und Sternzeichen im Vergleich
Wer nach Symbolen und ihrer Bedeutung sucht, findet Listen. Schlange: Verrat. Drei: Kreativität. Skorpion: Leidenschaft. Die Listen sehen sich ähnlich, und sie beruhen auf derselben Annahme: Ein Symbol hat eine Bedeutung, und die steht irgendwo geschrieben. Man muss sie nur nachschlagen.
Die Annahme hält nicht, und das liegt nicht daran, dass Symbole nichts bedeuten. Es liegt daran, dass drei Dinge, die gern in einen Topf geworfen werden — ein Bild im Traum, eine Zahl aus dem Geburtsdatum, ein Sternzeichen —, auf drei völlig verschiedenen Wegen zu Dir kommen. Und daran, dass die Bedeutung, die Du nachliest, in allen drei Fällen meistens viel jünger ist als das Symbol selbst. Dieser Beitrag legt die drei nebeneinander, mit einem Beispiel, das in zwei davon vorkommt, und mit einer Auszählung unseres eigenen Traumlexikons.
Wer hier was beantwortet
Die Symbolsuche des Traumkurses beantwortet die Frage nach einem einzelnen Traumbild — 122 Symbole, jede Zuschreibung mit Quelle und Jahrhundert.
Das Modul Warum jede Traumdeutung passt beantwortet, warum Du Dich in fast jeder Deutung wiedererkennst.
Dieser Beitrag vergleicht die Systeme: Wie kommt ein Symbol zu Dir, woher stammt seine Bedeutung, wie alt ist sie — und was davon lässt sich überhaupt prüfen?
Drei Wege, wie ein Symbol zu Dir kommt
Bevor es um Bedeutungen geht, lohnt eine schlichtere Frage: Wer hat das Symbol ausgesucht? Die Antwort ist in jedem der drei Systeme eine andere.
- Der Traum: Das Bild hast Du selbst erzeugt. Niemand hat es Dir zugeteilt, es ist aus Deinem Kopf gekommen, mit allem, was Du in dem Moment im Kopf hattest.
- Die Zahl: Sie wird ausgerechnet. Aus dem Geburtsdatum entsteht nach einer festen Regel die Lebenszahl, und diese Rechnung lässt sich Schritt für Schritt nachprüfen — im Numerologie-Rechner steht der Rechenweg ausgeschrieben daneben.
- Das Sternzeichen: Es folgt aus dem Datum. Die westliche Astrologie teilt das Jahr in zwölf Abschnitte, gezählt vom Frühlingsanfang an; das Zeichen benennt den Abschnitt, in den Dein Geburtstag fällt. Dass es sich dabei um Jahreszeiten und nicht um Sternbilder handelt, ist eine der am wenigsten bekannten Tatsachen des ganzen Feldes.
Zwei der drei Symbole sind also zugeteilt, nach einer Regel, die für alle gleich gilt. Nur eines hast Du selbst hervorgebracht. Das ist kein Detail: Ein zugeteiltes Symbol trägt nur die Bedeutung, die eine Überlieferung ihm gegeben hat. Ein selbst erzeugtes trägt außerdem Deine eigene — und die steht in keiner Liste.
Ein Tier, zwei Bedeutungen: der Skorpion
Am deutlichsten wird das an einem Wort, das in zwei Systemen vorkommt. Der Skorpion ist ein Traumsymbol und ein Sternzeichen, und die beiden Bedeutungen haben nichts miteinander zu tun.
Im Traum steht der Skorpion in der Überlieferung für die versteckte Gefahr. So steht es schon bei Artemidoros im 2. Jahrhundert, und so haben es die volkstümlichen Traumbücher des 19. Jahrhunderts übernommen, verschärft zu „Heimtücke" und „verborgener Feind". Unsere Seite zum Skorpion im Traum führt beide Schichten auf — und sagt ausdrücklich, was der Traum nicht bedeutet: keine Warnung vor einer Person und keine Aussage über Menschen, die im November geboren sind.
Am Himmel ist der Skorpion ein Abschnitt des Kalenders, rund vom 23. Oktober bis zum 22. November. Die Astrologie ordnet ihm das Element Wasser zu, die Qualität „fix" und eine Art, die als verschlossen und zugleich aufmerksam beschrieben wird. Als herrschenden Planeten nennen heutige Texte Pluto, ältere Mars. Pluto wurde 1930 entdeckt. Die heute übliche Zuordnung kann also höchstens knapp hundert Jahre alt sein — auch wenn sie in jeder Sternzeichenbeschreibung so steht, als sei sie es schon immer gewesen. Ebenso jung ist die verbreitete Gleichsetzung des Skorpions mit Sexualität; sie stammt aus dem 20. Jahrhundert und aus einer Verwechslung mit dem achten Haus.
Wer im Traum einem Skorpion begegnet, hat damit also nichts über Skorpion-Geborene erfahren. Und wer mit einem Skorpion schreibt, weiß zunächst nur eines sicher: ein Datum. Was ein Sonnenzeichen über einen Menschen überhaupt sagen kann, steht im Astrologiekurs unter Warum Dein Sternzeichen so wenig über Dich sagt.
Eine Zahl, zwei Gebrauchsweisen
Bei den Zahlen laufen die Systeme ebenfalls auseinander, nur weniger sichtbar.
Im Traum waren Zahlen über lange Zeit vor allem eines: Lottozahlen. Im 19. Jahrhundert gab es eine ganze Gattung von Traumbüchern, die nur diesem Zweck diente — jedem Traumbild eine Nummer, die man setzen konnte. Unsere Seite zu Zahlen im Traum nennt das den ehrlichsten Teil der Lexikongeschichte, weil der Zweck dort wenigstens ausgesprochen war. Dazu kommt, dass Zahlen im Traum instabil sind: Wer im Traum eine Zahl zweimal liest, sieht oft eine andere — deshalb gilt das Nachlesen beim Klarträumen als Realitätscheck.
Im Geburtsdatum dagegen ist die Zahl stabil und die Rechnung überprüfbar — offen ist allein die Deutung. Die Drei ist ein gutes Beispiel. Sie ist eine der ältesten Symbolzahlen überhaupt: Anfang, Mitte, Ende, das Dreieck, der Dreiklang, die Dreiheiten vieler Religionen. Die Zuschreibung „kreativ und gesellig", die man heute über Menschen mit der Lebenszahl 3 liest, hat damit aber nur lose zu tun. Sie ist ein Werk der modernen Numerologie, und das Zahlenlexikon zur Drei legt den weiten Weg von der alten Symbolzahl zur heutigen Charakterbeschreibung offen.
Was alle drei gemeinsam haben: altes Bild, junge Bedeutung
Schlange, Skorpion, Drei — dreimal dasselbe Muster. Das Bild ist alt, oft Jahrtausende. Die Bedeutung, die Du im Netz findest, stammt meist aus einer viel späteren Schicht. Für Traumsymbole lässt sich das zählen, weil unser Lexikon zu jeder Zuschreibung die Quelle und das Jahrhundert verzeichnet.
Schon gewusst?
Wir haben alle 122 Symbolseiten des Traumkurses ausgezählt. Sie enthalten 286 datierte Zuschreibungen. Davon stammen 119 aus den volkstümlichen Traumbüchern des 19. Jahrhunderts — das sind 41,6 Prozent und damit die größte einzelne Schicht. 70 gehen auf Artemidoros im 2. Jahrhundert zurück, 29 auf moderne Ratgeber, 25 auf Jung und gerade sieben auf Freud und seine Schule.
Und: 121 der 122 Symbole tragen Zuschreibungen aus mindestens zwei verschiedenen Epochen. Ein einziges Symbol kommt mit einer Quelle aus. Wer „die" Bedeutung eines Traumsymbols nachschlägt, bekommt also fast immer eine Auswahl aus mehreren — meistens ohne zu erfahren, welche.
Das 19. Jahrhundert ist dabei kein Zufall. Damals wurden Traumbücher billig gedruckt und für den Hausgebrauch verkauft, und sie schrieben ab, was vorher da war, mischten Volksglauben dazu und füllten Lücken auf. Wie diese Schichten übereinanderliegen und warum gerade die jüngste die heutigen Lexika prägt, erzählt das Kursmodul Traumsymbole — woher das Lexikon kommt.
Was Artemidoros schon vor 1.800 Jahren dazu sagte
Ausgerechnet das älteste Werk in dieser Kette widerspricht dem Prinzip „ein Symbol, eine Bedeutung" am deutlichsten. Artemidoros von Daldis schrieb im 2. Jahrhundert die Oneirokritika, das umfangreichste Traumbuch, das aus der Antike erhalten ist. Er glaubte an vorausdeutende Träume — darin folgen wir ihm nicht. Aber zu seiner Methode hat er drei Dinge notiert, die heute noch tragen (zitiert nach der englischen Übersetzung von Robert J. White, 1975, Auszüge bei attalus.org):
- Über die Konkurrenz. Gleich im Vorwort klagt er, seine Vorgänger hätten im Wesentlichen voneinander abgeschrieben und dabei Unsinn hinzugefügt. Der Vorwurf ist rund 1.800 Jahre alt und trifft die heutigen Lexika genauso.
- Über den Träumer. Der Deuter müsse wissen, wer geträumt hat: Beruf, Herkunft, Vermögen, Gesundheit und Alter (Buch 1, Kapitel 9). Ein Traumbild ohne den Menschen dazu ist für ihn unvollständig.
- Über denselben Traum. In Buch 4 beschreibt er sieben Frauen, die alle träumten, eine Schlange zur Welt zu bringen. Die Deutung fiel siebenmal verschieden aus — je nachdem, ob die Träumende reich war, Priesterfrau, Prophetentochter, Sklavin oder krank. Ein Bild, sieben Bedeutungen, und die Unterscheidung lag nicht im Bild, sondern im Leben der Frau.
Die Schlange ist bis heute das meistgesuchte Traumsymbol unseres Lexikons. Was die Überlieferung über sie gesagt hat, vom 2. Jahrhundert bis zu Jung, steht auf der Seite zur Schlange im Traum — samt dem Satz, der dort am wichtigsten ist: dass ein Schlangentraum kein Hinweis auf Verrat in Deinem Umfeld ist.
Was wir auf der Plattform sehen
Symbolsysteme gehören für viele Herzwandler-Mitglieder zum Leben. 269 von 1.492 aktiven Mitgliedern, die Interessen angegeben haben, kreuzen „Astrologie/Horoskope" an. In ihren eigenen Worten taucht das kaum auf: In 4.751 Profiltexten von 3.467 aktiven Mitgliedern steht „Sternzeichen" zweimal, „Horoskop" kein einziges Mal, „Numerologie" einmal, „Traumdeutung" nie, „Symbol" dreimal. Von den 269, die Astrologie ankreuzen, erwähnt genau eine Person Sternzeichen, Horoskop oder Astrologie auch im Freitext.
Was daraus folgt, ist bescheiden, aber praktisch: Wer sich für Symbole interessiert, stellt sich nicht über sie vor. Ob das Zurückhaltung ist oder einfach Gewohnheit, sagen die Zahlen nicht. Sie sagen aber, dass ein Gespräch über Sternzeichen, Zahlen oder einen merkwürdigen Traum fast immer etwas ist, das man erst anspricht — und kein Etikett, das man im Profil vorfindet.
Drei Fragen, bevor Du einer Symbolbedeutung glaubst
Aus dem Vergleich ergeben sich drei Prüffragen, die für alle drei Systeme taugen:
- Wer hat das Symbol ausgesucht? Hast Du es selbst erzeugt, wie im Traum, dann zählt Dein eigener Einfall mehr als jede Liste. Wurde es Dir nach einer Regel zugeteilt, wie Zahl und Sternzeichen, dann trägt es nur die Bedeutung der Überlieferung — und die gilt für alle mit derselben Zahl oder demselben Datum gleich.
- Wie alt ist die Bedeutung, die Du gerade liest? Ein Symbol aus der Antike mit einer Deutung aus einem Volksbuch von 1880 ist keine antike Weisheit. Seriöse Quellen nennen das Jahrhundert, unseriöse verschweigen es.
- Was lässt sich prüfen? Die Rechnung hinter einer Lebenszahl lässt sich prüfen, das Datum hinter einem Sternzeichen auch. Die Deutung in beiden Fällen nicht. Beim Traum ist es umgekehrt: Prüfen kannst Du nur, was Dir selbst zu dem Bild einfällt — und genau das steht in keinem Buch.
Wer die dritte Frage einmal an sich selbst ausprobieren will: Das Modul Warum jede Traumdeutung passt enthält eine Gegenprobe, bei der Du die Deutung eines fremden Symbols auf Deinen eigenen Traum legst. Für Sternzeichen beschreibt der Beitrag Sternzeichen und Liebe, warum sich eine Beschreibung treffend anfühlen kann, die für alle zwölf Zeichen gleich gut funktionieren würde.
Das Wichtigste in drei Sätzen
Traumbild, Zahl und Sternzeichen kommen auf drei verschiedenen Wegen zu Dir: selbst erzeugt, ausgerechnet, nach dem Datum zugeteilt. In allen drei Systemen ist das Bild meist alt und die Bedeutung, die Du nachliest, deutlich jünger — bei den Traumsymbolen unseres Lexikons stammen 41,6 Prozent aller Zuschreibungen aus dem 19. Jahrhundert. Und schon Artemidoros wusste: Dasselbe Bild bedeutet für verschiedene Menschen Verschiedenes.
Was hinter einer einzelnen Zahl steckt, die Dir immer wieder begegnet — auf der Uhr, im Geburtsdatum und auch im Traum —, zeigt am Beispiel der Elf der Beitrag Zahl 11 Bedeutung: warum Dir die Elf auffällt.
Auch bei Karten stellt sich die Frage, wie viel in einer Deutung steckt und wie viel Du selbst hineinliest. Wie man das an einer einzigen Tageskarte klein hält, zeigt Tageskarte Bedeutung: Wie Du eine große Karte auf einen kleinen Tag herunterliest.
