Eulen und Lerchen als Paar: zwei innere Uhren, ein Bett

Dass Eule und Lerche nicht zusammenpassen, geht auf eine Befragung von 1991 zurück. Was neuere Studien fanden, woran es bei zwei inneren Uhren tatsächlich hakt – und wie sich der Unterschied schon im Chat zeigt.

„Eule und Lerche, das geht nicht gut." Der Satz steht in Zeitschriften, in Ratgebern und in fast jedem Gespräch über Paare, bei denen einer um zehn ins Bett will und der andere um eins. Er klingt nach Biologie: Wenn zwei innere Uhren gegeneinander laufen, läuft auch die Beziehung gegeneinander.

Der Satz hat eine Quelle, und sie ist 35 Jahre alt. Was danach gemessen wurde, bestätigt ihn nicht. Nicht der Unterschied zwischen zwei Uhren entscheidet, sondern die Stunden, in denen beide gleichzeitig wach sind — und was ein Paar mit diesen Stunden macht. Dieser Beitrag zeigt, woher die Annahme kommt, was vier Studien dazu gefunden haben, und wie eine Uhr-Differenz aussieht, lange bevor zwei Menschen ein Bett teilen: im Chat. Dazu haben wir unseren eigenen Nachrichtenbestand ausgezählt.

Wer hier was beantwortet

Der Chronotyp-Beitrag behandelt eine einzelne Uhr: Deine eigene — was ein Chronotyp ist, wie er gemessen wird und wie er sich mit dem Alter verschiebt.

Der Beitrag über getrennte Schlafzimmer behandelt eine einzelne Entscheidung: ob zwei Menschen nachts im selben Raum schlafen.

Dieser Beitrag behandelt, was zwischen zwei verschiedenen Uhren passiert — ob sie zusammenpassen, woran es tatsächlich hakt und wie man den Unterschied schon beim Kennenlernen bemerkt.

Woher der Satz kommt

Die Studie, auf die fast alles zurückgeht, erschien 1991. Jeffry Larson, D. Russell Crane und Craig Smith befragten 150 Ehepaare aus Utah, Montana und Alabama nach ihren Schlaf- und Wachgewohnheiten und nach ihrer Ehe (Larson, Crane & Smith, Journal of Marital and Family Therapy 17(1), 1991). Paare, bei denen ein Morgenmensch mit einem Abendmenschen verheiratet war, berichteten weniger Zufriedenheit mit der Ehe, mehr Streit, weniger Zeit für ernste Gespräche, weniger gemeinsame Unternehmungen und seltener Sex als Paare mit gleicher Uhr.

Man muss die Liste genau lesen, um zu sehen, was sie eigentlich beschreibt. Drei der fünf Punkte sind keine Gefühle, sondern Zeit: Gespräche, Unternehmungen, Sex. Das sind Dinge, für die beide gleichzeitig wach und ansprechbar sein müssen. Die Studie hat also nicht gezeigt, dass zwei Uhren sich nicht vertragen. Sie hat gezeigt, dass zwei Uhren weniger gemeinsame Stunden übrig lassen — und dass Paare, bei denen das so war, unzufriedener waren. Befragt wurde einmal, nicht über Jahre; ob die Unzufriedenheit aus den fehlenden Stunden kam oder aus etwas Drittem, lässt sich daraus nicht ablesen.

Was danach gemessen wurde

Drei neuere Studien haben dieselbe Frage mit besseren Fragebögen gestellt. Keine von ihnen bestätigt die einfache Fassung.

  • Randler und Kretz, 2011: 84 Paare. Ähnliche Uhren finden sich tatsächlich häufiger, als der Zufall erwarten ließe — die Übereinstimmung lag bei 0,55, nach Herausrechnen des Alters bei 0,40. Sie hing nicht davon ab, wie lange die Paare schon zusammen waren; die Ähnlichkeit bestand also von Anfang an und entstand nicht durch Angleichung. Und: Ob die Uhren ähnlich oder verschieden waren, hing nicht mit der Zufriedenheit zusammen (International Journal of Psychology 46(2)).
  • Jocz, Stolarski und Jankowski, 2018: 91 Paare. Ähnliche Uhren hingen bei den Frauen mit höherer Zufriedenheit zusammen, bei den Männern nicht. Deutlicher war ein anderer Befund: Wie weit die bevorzugte Zeit für Sex auseinanderlag, hing bei beiden mit der sexuellen Zufriedenheit zusammen (Frontiers in Psychology 9:443).
  • Bulian, Weeß und Schreiber, 2018: 442 Befragte, im Schnitt 26 Jahre alt. Kein Zusammenhang zwischen ähnlichen Uhren und Zufriedenheit — und etwa gleich viele Paare mit ähnlichen wie mit unähnlichen Uhren. Die Autoren vermuten, dass viele Menschen ohnehin nicht nach ihrer Uhr leben können, weil Arbeit und Gewohnheiten den Tag vorgeben (Somnologie 22, 2018).

Zusammengelesen ergibt das ein ruhigeres Bild als der Satz vom Anfang. Menschen mit ähnlicher Uhr finden sich etwas häufiger. Wer eine andere Uhr hat als sein Partner, ist deshalb nicht messbar unglücklicher. Und wo ein Unterschied Folgen hat, betrifft er eine bestimmte Stunde — die, in der beide etwas miteinander vorhaben — und nicht den ganzen Tag.

Eule oder Lerche — und warum die meisten keins von beiden sind

„Eule" und „Lerche" sind die Enden einer Skala, keine zwei Lager. Die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen, und wo genau, verschiebt sich im Lauf des Lebens: Nach der Jugend wandert die innere Uhr Jahr für Jahr etwas nach vorn. Wie das gemessen wird und warum es nicht am Werktag gemessen werden darf, steht ausführlich im Beitrag über den Chronotyp und wird hier nicht wiederholt.

Für ein Paar folgt daraus etwas Praktisches: Zwei Menschen, die sich für „Eule und Lerche" halten, liegen oft nur ein oder zwei Stunden auseinander. Das ist ein Unterschied beim Zubettgehen, kein Unterschied im Wesen. Wer es als Wesensfrage behandelt, macht aus einer Terminfrage einen Charakterstreit.

Wie zwei Uhren im Chat aussehen

Bevor zwei Menschen ein Bett teilen, teilen sie einen Chat — und dort zeigt sich die Frage nach den gemeinsamen Stunden zum ersten Mal. Wir haben deshalb ausgezählt, wie lange eine Nachricht auf die Antwort des anderen wartet, je nachdem, um welche Uhrzeit sie abgeschickt wurde. Gezählt wurde allein der zeitliche Abstand: kein Nachrichtentext, keine Absender- und keine Gesprächskennung in einem Ergebnis, nur Vergleiche zwischen Gruppen.

Wie wir Nachrichten auswerten

Zahlen zu Nachrichten auf Herzwandler sind reine Statistik auf Metadaten-Ebene: wie viele Nachrichten verschickt werden, zu welcher Uhrzeit, ob und wann eine Antwort folgt. Den Inhalt einer Nachricht lesen wir für solche Auswertungen nicht, werten ihn nicht aus und veröffentlichen ihn nie.

Schon gewusst?

Grundlage sind 5.270 Sprecherwechsel in unserem Nachrichtenbestand — Stellen, an denen auf die Textnachricht des einen innerhalb von sieben Tagen die nächste des anderen folgte. Allein zwischen 21 und 23 Uhr sind es 1.225, verteilt auf 144 Gespräche.

  • Nach Nachrichten gezählt, ist der späte Abend die schnellste Zeit des Tages: Die Hälfte der Antworten kommt innerhalb einer Minute.
  • Nach Gesprächen gezählt, ist er eine der langsamsten: In 99 der 144 Gespräche wartet die typische Nachricht aus dieser Zeit länger als sechs Stunden — sie wird am nächsten Tag beantwortet.
  • Beides stimmt gleichzeitig, weil 1.010 der 1.225 Antworten aus nur 22 Gesprächen stammen. Dort waren beide zur selben Zeit wach und schrieben hin und her.
  • Zwischen 23 und 1 Uhr ist es noch schärfer: 432 von 554 Antworten aus 7 Gesprächen; in 62 von 79 Gesprächen wartet die Spätnachricht über sechs Stunden. Zum Vergleich: Bei Nachrichten zwischen 17 und 19 Uhr ist das in 51 von 150 Gesprächen so, also in gut einem Drittel.

Das ist keine Messung von Eulen und Lerchen — wann jemand schreibt, verrät eher seinen Feierabend als seine innere Uhr. Es zeigt aber, was eine Uhr-Differenz im Kleinen anrichtet: Eine Nachricht um halb elf landet in zwei von drei Gesprächen bei jemandem, der für heute nicht mehr da ist.

Daraus folgt vor allem eines: Eine Antwort nach zehn Stunden ist bei einer Spätnachricht der Normalfall, kein Signal. Wer sie als nachlassendes Interesse liest, deutet eine Schlafenszeit als Gefühl — genau die Sorte Missverständnis, die im Dating-Lexikon unter Mixed Signals beschrieben ist. Umgekehrt ist ein Gespräch, das um 23 Uhr im Minutentakt läuft, keine Auskunft über die Beziehung, sondern zunächst über zwei Uhren, die gerade übereinander liegen.

Drei Stellen, an denen zwei Uhren reiben

Wenn aus dem Chat ein gemeinsamer Alltag wird, reibt der Unterschied an drei Stellen. Alle drei lassen sich verhandeln, keine erledigt sich von allein.

1. Der Abend: wer wann schlafen geht

Der Streit um die Schlafenszeit ist fast nie ein Streit um Schlaf. Der Frühe fühlt sich allein gelassen, wenn der Späte noch aufbleibt; der Späte fühlt sich gegängelt, wenn er um zehn ins Bett soll. Beide reden über Uhrzeiten und meinen Nähe. Hilfreich ist, die beiden Fragen zu trennen: Wann legen wir uns gemeinsam hin? und Wann schläft jeder ein? Die erste lässt sich teilen, die zweite nicht. Was dahinter steckt — wie viel Nähe jeder braucht und wie viel Abstand er verträgt —, ordnet das Modul Wie nah ist zu nah? im Beziehungskurs.

2. Der Morgen: der Wecker des anderen

Der Frühe steht auf, und der Späte wacht mit auf — mitten aus einem Schlaf, der bei ihm noch nicht zu Ende ist. Das kostet nicht nur Schlaf. Wer abrupt geweckt wird und sofort aufsteht, verliert meist auch den Traum der letzten Phase; warum das so ist und warum es mit Charakter nichts zu tun hat, erklärt das Modul Warum Du Deine Träume vergisst. Wo der Morgen in welche Schlafphase fällt, lässt sich mit dem Schlafphasen-Rechner grob abschätzen. Praktisch hilft meist Kleines: ein Wecker, der nur einen weckt, Licht, das nur auf einer Seite angeht, ein Frühstück, das der Frühe allein beginnt.

3. Das gemeinsame Fenster

Die eigentliche Stellschraube ist die Überlappung — die Stunden, in denen beide wach, ansprechbar und nicht erschöpft sind. Genau dort lagen die Verluste in Larsons Liste: Gespräche, Unternehmungen, Sex. Und genau dort lag der deutlichste Befund der polnischen Studie: nicht der Unterschied der Uhren, sondern der Abstand zwischen den bevorzugten Zeiten für Sex. Ein Paar mit verschiedenen Uhren braucht deshalb kein Rezept, sondern eine Absprache darüber, welche Stunden dem Gemeinsamen gehören — und dass sie nicht die Reste sind, die übrig bleiben, wenn einer schon müde ist. Wie man solche Zeit zu zweit bewusst gestaltet, zeigt der Tantra-Kurs im Modul Tantra für Paare.

Erst wenn auch das nicht trägt, stellt sich die Frage nach zwei Räumen. Was dabei gewonnen wird und was die Nähe kostet, steht im Beitrag über getrennte Schlafzimmer.

Und der Mond?

Wer schlecht geschlafen hat, sucht eine Erklärung, und in einer Vollmondnacht liegt eine bereit. In einem Bett mit zwei Uhren gibt es eine näherliegende: Der andere kam um eins ins Bett oder stand um sechs auf. Was die Schlafforschung zum Vollmond tatsächlich gefunden hat, steht bei den geprüften Mondfragen im Mondkalender. Für ein Paar lohnt sich vor allem die Gegenprobe: Liegt die schlechte Nacht auffällig oft auf dem Vollmond — oder auffällig oft auf dem Abend, an dem einer länger aufblieb?

Wer den Vollmond trotzdem als festen Abend für ein gemeinsames Ritual nutzt, tut nichts Falsches — er braucht nur eine andere Begründung. Welche, steht im Beitrag Rituale und ihre Bedeutung: was Vollmond, Traumtagebuch und Tantra gemeinsam haben.

Beim Kennenlernen fragen — denn im Profil steht es nicht

Die Tageszeit, zu der jemand lebt, ist in Profiltexten so gut wie kein Thema. In 4.757 Freitexten von 3.477 aktiven Mitgliedern (Felder „Über mich" und „Ich suche nach", zusammen 552.659 Zeichen) kommt „Frühstück" kein einziges Mal vor, „ausschlafen" ebenfalls nicht, „Nachtmensch", „Morgenmuffel" und „Nachtschwärmer" zusammen nicht. „Sonnenuntergang" steht fünfmal da, „Sonnenaufgang" einmal. Wer wissen will, wie der andere seinen Tag lebt, muss fragen.

In den Berichten, die uns erreichen, zeigt sich der eigene Rhythmus oft erst nebenbei. Jana, 37, beschreibt, wie ihr Reinschauen auf Herzwandler zu einem festen abendlichen Ritual wurde — „nach dem Duschen, mit Tee auf dem Sofa oder kurz vor dem Schlafengehen". Wer so erzählt, verrät seine Uhr, ohne sie zu nennen. Im Chat verraten sie die Uhrzeiten der Nachrichten, lange bevor es jemand ausspricht — sofern man sie als Uhrzeit liest und nicht als Gefühl.

Drei Fragen, die mehr hergeben als „Bist Du Eule oder Lerche?":

  • „Wann wachst Du auf, wenn Dich niemand weckt?" Das ist die Frage, mit der auch die Forschung arbeitet — der freie Tag zeigt die Uhr, nicht der Werktag.
  • „Welche Stunde des Tages gehört Dir?" Die Antwort sagt, wann jemand ansprechbar ist und wann er seine Ruhe braucht.
  • „Wie sah bei Dir ein gutes Wochenende aus?" Wer mit Sonnenaufgang auf dem Berg antwortet und wer mit spätem Frühstück, hat den Unterschied beschrieben, ohne dass es nach Test klingt.

Weitere Fragen, die zwei Menschen gemeinsam durchgehen können, stehen unter Fragen für Paare. Und wer schon zusammen ist und merkt, dass es nicht nur um die Uhr geht, sondern um die Frage, wie sehr sich der Alltag überhaupt verflechten soll: Der Zielbild-Vergleich lässt beide getrennt antworten und stellt die Antworten danach nebeneinander — unter anderem auf der Achse Rhythmus.

Das Wichtigste in drei Sätzen

Dass Eulen und Lerchen nicht zusammenpassen, geht auf eine einzelne Befragung von 1991 zurück; drei neuere Studien finden keinen allgemeinen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Uhren und Unzufriedenheit. Was zählt, sind die Stunden, in denen beide gleichzeitig wach sind, und ob ein Paar sie bewusst teilt. Und im Chat gilt: Eine späte Nachricht, die erst am nächsten Morgen beantwortet wird, ist bei uns der Normalfall — kein Urteil.

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Über den Autor

Dieser Blog-Beitrag wurde mit sehr viel Sorgfalt verfasst von:

Dr.-Ing. Erik Neitzel
Dr.-Ing. Erik NeitzelPromovierter Wissenschaftler · Gründer von Herzwandler

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