Chronotyp: warum Du nachts wach wirst — und warum es nicht am Mond liegt

Wach um drei, hellwach um elf — und der Mond soll schuld sein. Was der Chronotyp wirklich beschreibt, wo seine Grenze liegt, und was 11.130 ausgezählte Nachrichten über die Uhr eines ganzen Bestands sagen.

Um kurz nach drei bist Du wach. Nicht müde-wach, sondern wach. Am nächsten Morgen sagt jemand: „Kein Wunder, es ist Vollmond." Und weil das die einzige Erklärung ist, die jemand anbietet, bleibt sie hängen.

Sie trägt nicht. Der Mond ist die schwächste der verfügbaren Erklärungen, und das lässt sich zeigen. Die stärkste heißt Chronotyp — und sie erklärt nicht nur, warum Du nachts wach wirst, sondern auch, warum ein anderer Mensch ohne Wecker um fünf aufsteht und das für normal hält.

Dieser Beitrag sagt, was der Chronotyp beschreibt, wo seine Grenze liegt, und was 11.130 ausgezählte Nachrichten aus unserem eigenen Bestand dazu beitragen — einschließlich der Stelle, an der uns diese Zahlen fast in die Irre geführt hätten.

Was ein Chronotyp ist — und was er nicht ist

Jeder Mensch trägt eine innere Uhr, die von allein etwa, aber nicht genau 24 Stunden läuft. Sie wird täglich vom Licht nachgestellt. Wie sie sich dabei einpendelt, ist von Mensch zu Mensch verschieden: manche sehr früh, manche sehr spät, die meisten irgendwo dazwischen. Genau diese Lage heißt Chronotyp.

Die meistgenutzte Messung dafür stammt aus München. Till Roenneberg und seine Kollegen haben mit dem Munich ChronoType Questionnaire rund 25.000 Menschen nach ihren Schlafzeiten befragt und daraus einen einzigen Wert gebildet: den Mittelpunkt des Schlafs. Ihr Befund, veröffentlicht in Current Biology 2004, ist bis heute der Bezugspunkt des Feldes (Roenneberg u. a., Current Biology 14(24), R1038–R1039).

Der entscheidende Punkt daran wird fast immer überlesen: Gemessen wird der Mittelpunkt des Schlafs an freien Tagen. Nicht an Werktagen. Der Grund ist trivial und hat weitreichende Folgen — an einem Werktag misst man den Wecker, nicht den Menschen. Wer um halb sechs aufsteht, weil er muss, sieht in jeder Statistik aus wie ein Frühtyp, egal wie er gebaut ist.

Wer hier was beantwortet — drei Seiten, drei verschiedene Fragen

Der Mondkalender beantwortet die Mondfrage: Schlafen Menschen bei Vollmond schlechter? Dort steht die Studienlage samt der schlichteren Erklärung, die selten jemand nennt.

Der Schlafphasen-Rechner beantwortet die Frage innerhalb einer Nacht: Wann liegt vermutlich Tiefschlaf, wann REM, wann ist Aufstehen erträglich? Er zeigt eine Spanne und keine Uhrzeit.

Dieser Beitrag beantwortet keine der beiden. Er behandelt die Lage Deiner Uhr im Tag — eine Eigenschaft, die über Jahre stabil bleibt und sich weder mit dem Mondstand noch innerhalb einer Nacht ändert.

Warum es nicht am Mond liegt

Die Mondbehauptung ist nicht deshalb schwach, weil sie unwissenschaftlich klänge. Sie ist schwach, weil sie das Falsche erklärt. Der Vollmond kommt alle 29,5 Tage. Nachts wach zu werden kommt bei den meisten Menschen deutlich häufiger vor — und bei manchen so gut wie nie. Eine Erklärung, die einmal im Monat verfügbar ist, kann ein Muster nicht tragen, das entweder ständig oder gar nicht auftritt.

Dazu kommt ein Zählfehler, den jeder von uns macht: In der Vollmondnacht fällt das Wachwerden auf, weil eine Erklärung bereitliegt. In den achtundzwanzig anderen Nächten fällt es nicht auf. So entsteht ein Zusammenhang im Gedächtnis, den es in den Daten nicht gibt. Was die Schlafforschung zum Vollmond tatsächlich gefunden hat — und warum der Befund kleiner ist, als er in Umfragen wirkt — steht im Mondkalender unter den geprüften Mondfragen.

Bei uns ist der Mond übrigens auch kein Thema, über das Menschen reden. In 4.731 Profil-Freitexten von 3.459 aktiven Mitgliedern (552.788 Zeichen, Felder freier_text_ueber_mich und ich_suche_nach in cfw_user_meta) kommt „Mond" mit Wortgrenze dreimal vor, „Vollmond" einmal. „Meditation" steht 47-mal da.

Ein Hinweis in eigener Sache, weil er zur Sache gehört: Der erste Durchlauf dieser Zählung ergab 108 Treffer für „Mond". Das lag an der Suche — sie fand „besonders", „Sonde" und „gesondert" gleich mit. Erst die Suche mit Wortgrenze lieferte die drei. Wer im eigenen Bestand zählt, zählt zuerst sein Suchmuster.

Der Chronotyp verschiebt sich mit dem Alter — und das trifft genau uns

Roennebergs Kurve ist das, was an der Arbeit am längsten hängen geblieben ist. Kinder sind früh. Durch die Jugend verschiebt sich die Uhr immer weiter nach hinten, erreicht ihren spätesten Punkt bei Frauen um 19,5 und bei Männern um 20,9 Jahre — und wandert danach ein Leben lang wieder nach vorn. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern verschwindet um das fünfzigste Lebensjahr.

Das ist für uns keine Randnotiz. Von unseren aktiven Mitgliedern haben 2.714 ein Geburtsdatum hinterlegt; ihr Durchschnittsalter liegt bei 50,0 Jahren, 1.190 von ihnen sind zwischen 45 und 59. Wer hier jemanden kennenlernt, trifft überwiegend auf Menschen in genau dem Abschnitt der Kurve, in dem die Uhr Jahr für Jahr etwas früher steht — und in dem der alte Geschlechterunterschied gerade verschwindet.

Daraus folgt kein Ratschlag. Es folgt eine Erwartung: Dass jemand mit fünfzig nicht mehr so spät wach ist wie mit zwanzig, ist kein Nachlassen. Es ist das, was die Kurve vorhersagt.

Was 11.130 Nachrichten über die Uhr eines ganzen Bestands sagen

Wir können die innere Uhr unserer Mitglieder nicht messen. Wir können aber auszählen, wann geschrieben wird — und genau das haben wir getan. Grundlage sind alle Textnachrichten unseres Nachrichtenbestands, ausgewertet allein nach der Stunde des Versands. Kein Nachrichtentext, keine Absenderkennung und keine Gesprächskennung kommen in einem Ergebnis vor; verglichen wird ausschließlich relativ.

Wie wir Nachrichten auswerten

Zahlen zu Nachrichten auf Herzwandler sind reine Statistik auf Metadaten-Ebene: wie viele Nachrichten verschickt werden, zu welcher Uhrzeit, ob und wann eine Antwort folgt. Den Inhalt einer Nachricht lesen wir für solche Auswertungen nicht, werten ihn nicht aus und veröffentlichen ihn nie.

Schon gewusst?

Ausgezählt wurden 11.130 Textnachrichten von 597 Menschen. Die Verteilung über den Tag ist alles andere als gleichmäßig:

  • 19 bis 23 Uhr: 4.941 Nachrichten — 44,4 Prozent. Fünf von vierundzwanzig Stunden tragen fast die Hälfte des Tages.
  • Die stärkste Stunde ist 21 Uhr mit 1.220 Nachrichten, elf Prozent aller Nachrichten in einer einzigen Stunde.
  • Die schwächste ist 2 Uhr mit 25. Das ist ein Verhältnis von 48 zu 1.
  • Zwischen 0 und 5 Uhr fallen zusammen 644 Nachrichten — 5,8 Prozent.

Damit ist eine Beobachtung aus unserem Erfahrungsbereich erstmals nachgerechnet: Der Bericht Zu welchen Uhrzeiten die meisten Gespräche entstehen nennt „rund vier von zehn Nachrichten" für das Fenster ab 19 Uhr. Gezählt sind es 44,4 Prozent. Die Beobachtung hält.

Der Fehler, der uns dabei fast unterlaufen wäre

Aus so einer Verteilung ist man schnell versucht, einen Bestand voller Abendmenschen abzulesen. Dagegen spricht die Probe, die sich aus Roennebergs Verfahren aufdrängt: Wenn der Chronotyp an freien Tagen gemessen wird, muss man Werktag und freien Tag trennen.

Wir haben den Schwerpunkt der Aktivität für beide getrennt gerechnet, mit einem Tag, der um 4 Uhr beginnt, damit die Stunden nach Mitternacht nicht abgeschnitten werden:

  • Werktags liegt der Schwerpunkt bei 17:31 Uhr.
  • An Samstagen und Sonntagen bei 16:11 Uhr — also eine Stunde und zwanzig Minuten früher.

Das ist die verkehrte Richtung. Ein Bestand aus Spättypen müsste an freien Tagen später dran sein, nicht früher. Die Erklärung ist unspektakulär und genau deshalb wichtig: An einem Werktag ist der Tag bis zum Abend verplant, das Schreiben staut sich in die Stunden nach 20 Uhr. An einem freien Tag verteilt es sich — ab acht Uhr morgens ist bei uns spürbar etwas los.

Unsere Uhr misst also nicht den Chronotyp, sondern die Freizeit. Das ist kein Mangel der Zählung, sondern ihre eigentliche Auskunft — und der Grund, warum wir aus 11.130 Nachrichten keinen einzigen Satz über die Biologie unserer Mitglieder ableiten.

Die Nacht gehört sieben Menschen

Die interessanteste Zahl steckt nicht im Abendgipfel, sondern in der Nacht. Die 644 Nachrichten zwischen 0 und 5 Uhr stammen von 88 verschiedenen Menschen — aber sie verteilen sich denkbar ungleich:

  • 40 dieser 88 Menschen haben genau eine einzige Nachtnachricht geschrieben. Für fast die Hälfte war es ein einmaliger Abend, der zu lang wurde.
  • Sieben Menschen tragen 437 der 644 Nachrichten — 67,9 Prozent.
  • Von denen, die überhaupt regelmäßig schreiben, haben 38 von 74 noch nie zwischen 0 und 5 Uhr geschrieben. Acht dagegen tun es in mehr als jeder sechsten Nachricht.

Das ist die Form, die ein echter Chronotyp-Unterschied annimmt: nicht „nachts sind viele wach", sondern „ein kleiner Teil ist es systematisch, und ein großer Teil war es einmal". Wer sich selbst nach zwei durchwachten Nächten für eine Nachteule hält, verwechselt einen Abend mit einer Eigenschaft.

Und ein Zusammenhang, der bei uns nicht trägt

Nach Roenneberg müsste der persönliche Schwerpunkt mit steigendem Alter früher liegen. Wir haben das an denen geprüft, von denen beides vorliegt — Geburtsdatum und genug Nachrichten für einen belastbaren eigenen Schwerpunkt. Das sind 41 Menschen, Durchschnittsalter 48,5 Jahre.

Der Zusammenhang zeigt in die erwartete Richtung, aber er trägt nicht: r = −0,232, bei 41 Personen entspricht das einem t von −1,49 und einer Irrtumswahrscheinlichkeit um 14 Prozent. In Gruppen aufgeteilt liegt der Schwerpunkt der unter 45-Jährigen bei 16:54 Uhr, der 45- bis 59-Jährigen bei 15:13 Uhr und der ab 60-Jährigen bei 15:42 Uhr — mit sechs Personen in der letzten Gruppe.

Das schreiben wir hin, statt es wegzulassen. Eine Zahl, die zwischen zwei großen Streuungen liegt, ist keine Auskunft, und einundvierzig Menschen sind für diese Frage zu wenige. Wer daraus eine Aussage über das Alter machte, hätte sie erfunden.

Warum das beim Kennenlernen zählt

Chronotypen sind kein Nebenthema des Datings, sondern eine der häufigsten Quellen für Fehldeutungen. Du schreibst um 23 Uhr eine lange, überlegte Nachricht. Sie liest sie um 6 Uhr, im Halbdunkel, vor dem ersten Kaffee, und antwortet abends knapp. Du liest die Kürze als Desinteresse. Sie hat die Länge als Druck empfunden. Keiner von beiden hat etwas falsch gemacht — die beiden Uhren standen nur zehn Stunden auseinander.

Drei Dinge helfen dagegen mehr als jede Deutung:

  1. Frag früh, wann der Tag des anderen anfängt. Das ist eine harmlose Frage mit hohem Ertrag; in unserer Sammlung Fragen für den Chat gehört sie in die Gruppe, die ohne gemeinsame Geschichte trägt.
  2. Miss die Antwortzeit nicht in Stunden, sondern in Gelegenheiten. Wer erst nach der Arbeit liest, hat am Tag eine. Was Du tun kannst, wenn länger nichts kommt, steht in unserem Hilfebereich unter Keine Reaktion auf eine Nachricht — Winken ist dort die Variante ohne Druck.
  3. Stell die Benachrichtigungen so ein, dass sie zu Deinem Tag passen, nicht zu dem des anderen. Wie das geht, erklärt der Artikel Einstellungen für Benachrichtigungen.

Wenn das Ausbleiben von Nachrichten länger anhält und nicht mehr nach Uhrzeit aussieht, ist der Chronotyp die falsche Erklärung. Dafür gibt es im Beziehungskurs ein eigenes Modul: Warum meldet sich niemand mehr?

Was sich ändern lässt — und was nicht

Der Chronotyp ist zu einem erheblichen Teil vererbt und ändert sich über Jahre, nicht über Wochen. Verschieben lässt sich vor allem das Licht: Morgens hell, abends gedämpft, zieht die Uhr nach vorn; abends hell zieht sie nach hinten. Das ist der einzige Hebel mit guter Belegbasis, und er wirkt langsam.

Was dagegen nichts bringt, ist der Versuch, sich für einen anderen Menschen umzustellen. Zwei Uhren, die sich gegenseitig verbiegen, ergeben zwei müde Menschen — das gehört allerdings in einen eigenen Beitrag und nicht in diesen.

Und wenn Du wirklich wissen willst, wo Deine Uhr steht: Zähl nicht, wann Du aufstehst, sondern wann Du an einem freien Tag ohne Wecker von allein aufwachst, und nimm den Mittelpunkt zwischen Einschlafen und Aufwachen. Drei freie Tage genügen für ein erstes Bild. Für alles, was danach in der Nacht passiert, hat der Traumkurs die passenden Seiten.

Weiterlesen

Wenn zwei verschiedene innere Uhren sich ein Schlafzimmer teilen, stellt sich irgendwann die Frage nach getrennten Räumen. Was die Schlafforschung dazu gefunden hat — und was ein Paar ersetzen muss, wenn das Schlafzimmer als Treffpunkt wegfällt: Getrennte Schlafzimmer: was der Schlaf gewinnt und was die Nähe kostet.

Was passiert, wenn zwei verschiedene Uhren sich ein Leben teilen — ob Eule und Lerche als Paar wirklich schlechter zusammenpassen und woran es tatsächlich hakt: Eulen und Lerchen als Paar: zwei innere Uhren, ein Bett.

War dieser Beitrag nützlich?

Der Traumdeutungskurs

24 Module und 122 Traumsymbole, jedes mit Herkunft.

Zum Kurs

Weitergeben

Wenn Dir das hier etwas gebracht hat, gib es weiter. Der Beitrag ist frei zugänglich — es gibt keinen Grund, ihn für sich zu behalten.

✆ WhatsApp✉ E-Mail

Zitieren ist ausdrücklich erwünscht, unter Angabe der Quelle. Der HTML-Link ist fertig zum Einfügen in einen Blog oder in WordPress.

Wichtiger Hinweis — Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Traumafolgen gehören in die Hände qualifizierter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten oder Ärztinnen und Ärzte.

Die Inhalte auf Herzwandler ersetzen keine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Sie sollen dabei helfen, Beziehungen, Emotionen und persönliche Entwicklung besser zu verstehen.

Wenn Du unter starkem Leidensdruck leidest oder bemerkst, dass Deine psychische Gesundheit dauerhaft beeinträchtigt ist, suche bitte professionelle Unterstützung. Spirituelle Methoden können eine Therapie sinnvoll ergänzen, sie jedoch nicht ersetzen.

Über den Autor

Dieser Blog-Beitrag wurde mit sehr viel Sorgfalt verfasst von:

Dr.-Ing. Erik Neitzel
Dr.-Ing. Erik NeitzelPromovierter Wissenschaftler · Gründer von Herzwandler

Weiterlesen

Gespräch

Zum Mitreden brauchst Du ein Herzwandler-Konto. Anmelden oder registrieren